Corona und das Momentum für Plattform-Kooperationen im regionalen Handel

Corona und das Momentum für Plattform-Kooperationen im regionalen Handel

Jahrelang ärgerte ich mich beim Bäcker in meinen Viertel darüber, dass keine Kartenzahlung möglich ist. Ich war fassungslos, als die Bundesbank im Jahr 2019 mir auch noch erklärte, dass Bargeldzahlung die schnellste Zahlungsmethode sei. Ab dem 1. Januar dieses Jahres drückte man mir noch zwangsweise einen Kassenbon auf Thermopapier gemeinsam mit meinem Wechselgeld in die Hand. Meine Laune wurde nicht besser. Es brauchte die Coronakrise, um mobiles Bezahlen bei meinem Bäcker möglich zu machen. Dieser Geist wird hoffentlich nicht wieder in der Flasche verschwinden und sollte der Start sein, die Bonpflicht zu digitalisieren. Zahlreiche Startups bieten inzwischen entsprechende Lösungen an, die sofort einsetzbar sind.

Corona führt zweifellos zu einem Digitalisierungsschub in vielen Unternehmen und vergrößert gleichzeitig den Abstand zwischen Unternehmen mit niedrigem und hohem digitalem Reifegrad. Besonders gut beobachten lassen sich diese Auswirkungen derzeit im Handel. Während Amazon die Einstellung neuer Mitarbeiter ankündigt, kämpften viele lokale Händler schon vor der Krise ums Überleben und sehen sich nun weiteren Problemen ausgesetzt. Für interne Prozesse ist die Umstellung von offline zu online dabei häufig einfacher als gedacht. Aus Präsenzmeetings werden Video-Web-Sessions, aus Workshops werden Webinare und aus Konferenzen werden Livestreams. Doch Händler, die die gute Konjunktur der letzten Jahre nicht genutzt haben, um ein funktionierendes Warenwirtschaftssystem samt Onlineshop und Warenauslieferung aufzubauen, fehlt die Grundlage, große Teile ihrer Wertschöpfung schnell von offline auf online zu shiften.

Die Wiedergeburt lokaler Online-Marktplätze

Abhilfe schaffen zahlreiche neue Einzelhandels-Portale, die in den letzten Wochen von Verbänden, Kammern und Wirtschaftsförderungen mit viel Engagement aus dem Boden gestampft wurden. Die Portale listen lokale Händler und deren aktuelle Angebote in Zeiten von Corona, z.B. Gutscheine, Lieferdienste oder Onlineshops. Allein im Münsterland gibt es mehr als zehn solcher Portale. Ich möchte offen sein: Ich war nie ein großer Fan von regionalen Online-Marktplätzen. Anstatt in sinnvolle digitale Projekte Zeit und Geld zu investieren, habe ich viele naive Rettungsanker aus dem Stadtmarketing ohne digitale Innovation und ohne wirkliche Wertschöpfung für die Händler gesehen. In Zeiten von Corona erleben ähnliche Portale nun eine Wiedergeburt und generieren viel Aufmerksamkeit bei Händlern und (das ist das Neue) auch bei Konsumenten. Der Münsterland e.V. hat beispielsweise auf seiner Lieferdienst-Plattform nach wenigen Wochen bereits über 1.000 Händler gelistet. Diese berichten über regelmäßige Plattform-Umsätze, denn die Konsumenten nutzen die Portale regelmäßig als Anlaufpunkt.

Das Momentum für neue Kooperation zwischen Handel, Stadt und lokalen Kunden ist da. Durch die gute Resonanz ihrer Plattformen werden sich viele Initiatoren bald die Frage stellen: Wie können wir die Plattformen für die Zeit nach Corona erhalten, um den lokalen Handel insbesondere in Klein- und Mittelstädten zu stärken? Hier sind nach wie vor Zweifel angebracht. Es ist zu befürchten, dass die Anzahl der Lokal-Patrioten im Web nach Corona wieder sinken wird und Preis, Bequemlichkeit und Geschwindigkeit wieder in den Vordergrund rücken. Leider fehlt es nach wie vor nahezu auch allen neuen Lieferdienst-Plattformen an digitalen Dienstleistungen, die Mehrwerte für die Kunden schaffen und letztlich ein digitales Geschäftsmodell für die Händler erzeugen. Auch die werden erfahrungsgemäß nur an Bord bleiben, wenn sich über die digitale Plattform ein Geschäft machen lässt.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wer die Plattformen eigentlich nachhaltig betreiben soll und zu welchen Bedingungen. Da die meisten Plattformen vermutlich zu Beginn nicht ohne öffentliche Gelder finanzierbar sind, ist eine Beteiligung von kommunalen Institutionen zweckmäßig. Dabei sollten sie allerdings darauf achten, dass keine marktfähigen Geschäftsmodelle untergraben werden. Es wäre besser, Kooperationen mit Startups und innovativen Dienstleistern (Business to Government) zu suchen, um den Innovationsgrad zu erhöhen und sowohl die Umsetzung als auch den nachhaltigen Betrieb sicherzustellen.

Momentum für die Zeit nach Corona nutzen

Die Chance für die Lieferdienst-Plattformen ist der lokale Zusammenhalt und Gemeinsinn, der in Zeiten von Corona entwickelt wurde und den die großen Anbieter von außen nicht ohne Weiteres kopieren können, ohne ihre eigenen Stärken aufzugeben. Mit der Hilfe lokaler IT-Dienstleister kann eine Erweiterung der Plattformen um digitale Dienste starten, die Mehrwerte für Kunden und Händler erzeugen. Im Münsterland ruft derzeit ein Konsortium aus mehreren E-Commerce und Logistik-Unternehmen in einer Pro Bono Initiative die Open-Source Plattform Downtown.shop ins Leben. Die Initiatoren hoffen, dass Gemeinden und Städte die Plattform für ihre bestehenden Projekte übernehmen und bereit sind, Händler aus ihrem Netzwerk auf die Plattform aufzusatteln. Auch kommerzielle Softwareanbieter und Startups haben auf die Krise reagiert und bieten derzeit viele kostenlose Rabatte an. Die digitale Gutscheinplattform #gutscheinehelfen von Zmyle ist schon in über 20 Städten im Münsterland verfügbar. Das Startup hat in Zeiten von Corona alle Gebühren für Händler ausgesetzt.

Plattformbusiness für Neueinsteiger ist hart. Durch Netzwerkeffekte ist eine Konzentration auf wenige Plattformen zweckmäßig und überlebensnotwendig. Beim WirVsVirus-Hackathon der Bundesregierung haben dennoch über 400 Teams auf Plattformkonzepte gesetzt. Viele Projekte wie Small Business Hero, Locali, und Support my Locals bemühen aktuell stark darum, Händler, Gastronomen oder andere Interessengeber auf ihre Plattform zu bekommen. Für gemeinnützige Hackathons ist es keine einfache Aufgabe die vielen ähnlichen Ideen zusammenzuführen, damit sie ihr volles Potenzial entfalten können. Die Zusammenarbeit mit technisch versierten Entwicklern aus der Zivilgesellschaft kann gestärkt werden, indem bestehende Lösungen aufgriffen und zum Beispiel als Open Source weiterentwickelt werden. Genauso kann das Aufgreifen von bestehenden Geschäftsmodellen helfen, Entwickler-Ressourcen zu bündeln und zugleich Menschen mit Verantwortungsgefühl und Unternehmertum für die Projekte zu aktivieren.

Ich bin überzeugt, dass diese anspruchsvolle Aufgabe nur gelingen kann, wenn möglichst viele lokale Akteure am gleichen Strang ziehen. Absolut notwendig ist daher auch eine übergreifende Zusammenarbeit der Kommunen und gemeinsamen Initiativen, um Netzwerkeffekte zu bündeln bei gleichzeitiger Erhaltung der lokalen Verbundenheit. Aufgrund vieler Partikularinteressen der Initiatoren ist das alles andere als leicht. Wenn alle den Kundennutzen ins Zentrum des eigenen Tuns stellen, sind vielversprechende digitale Geschäftsmodelle zur Stärkung lokaler Händler aus dem Momentum der Coronakrise heraus nun machbar.

Das „Machen“ wird einem niemand abnehmen

Die Coronakrise katapultiert Wirtschaft und Arbeitswelt mit großer Kraft in das digitale Zeitalter. Als eines von 26 Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren des Bundes unterstützen wir Unternehmen bei der Durchführung digitaler Umsetzungsprojekte. Aber es letztendlich machen und mit Begeisterung leben müssen die Unternehmen immer selbst. Ich hoffe, dass viele Unternehmen die notwendigen Rücklagen haben, um nun freigewordene Ressourcen für digitale Qualifizierung und Innovationsprojekte zur Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle einzusetzen. Es wäre eine gute Investition in die Zukunft.

Sebastian Köffer

 

Titlebild: “Foto: Presseamt Münster / Tilman Roßmöller”

Die Krise als Chance: Überwinden entfremdeter Arbeit

Die Krise als Chance: Überwinden entfremdeter Arbeit

Einleitung
Die Corona-Pandemie teilt derzeit hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Implikationen die Erwerbsbevölkerung in vier Gruppen: einige verlieren ihren Job, z.B. liquiditätsschwache Startup-Entrepreneure; andere bangen um ihre Existenz wie Handwerker oder Restaurantbesitzer, da sie während des Lockdowns keinen Umsatz generieren, aber gleichzeitig Kosten bedienen müssen. Eine dritte, damit verglichen privilegierte Gruppe kann ihrer Arbeit mit mehr oder minder grossen Effizienzeinbussen im Home Office nachgehen, darunter auch dieser Autor, der als Assistenzprofessor online unterrichtet und forscht sowie ebenfalls mit dem Computer und virtuellem Anschluss seines Teams sein Software/KI-Unternehmen voranbringt. Die vierte, als systemrelevant bezeichnete Gruppe von Erwerbstätigen vollrichtet hingegen ihre Arbeit nach wie vor am Arbeitsplatz, muss aber bestimmte Sicherheitsvorkehrungen wie etwa Sicherheitsabstand zu anderen beachten. Interessant (begrüssenswert) ist in diesem Zusammenhang, dass der Begriff der Systemrelevanz gegenüber der letzten globalen Krise von 2008 eine krasse Ausdehnung erfahren hat. Um es etwas überspitzt auszudrücken: Während vor 12 Jahren gierige Banker ihre Fehler auf die Allgemeinheit abgewälzt haben, gehen heute medizinisches Personal, Supermarktmitarbeiter, Infrastrukturdienstleister und viele mehr persönliche Risiken ein, um andere zu schützen und, mehr noch, die Zivilisation aufrecht zu erhalten.

Jede dieser Gruppen respektive die Einzelfälle dahinter hat mit ihren eigenen, teils spezifischen Problemen zu ringen. Was ihnen gemein ist, ist die Affektierung durch eine dominante Auswirkung der Pandemie auf der ökonomischen Makroebene, nämlich das Stocken der einer Steigerungslogik folgenden Wirtschaft, deren Überwindung wiederum sich vielleicht als zentrale Herausforderung der Spätmoderne ergibt.

Die Irrationalität der blindlaufenden modernen Eskalationslogik
Man kann sich fragen, warum wir die Isolation infolge der Massnahmen gegen die Virus-Verbreitung nach kurzer Zeit als bedrückend erleben. Naheliegenderweise könnten wir den Menschen als soziales Wesen, als Zoon politikon bestimmen; doch vielleicht greift das zu kurz. Denn wenn wir auch vor Corona immer wieder beobachten konnten, dass wir dazu neigen, alle (spontan) entstehenden zeitlichen Freiräume mit neuen Verpflichtungen, Aufgaben und Aktivitäten zu füllen, und schon fast notorisch zu unseren Handys und gadgets greifen, sobald wir einen Moment mit uns alleine und entpflichtet sind, so könnten wir dadurch unbewusst einer Logik Geltung verschaffen, welche unsere Erwartungen an ein gutes, erfülltes Leben panisch auf die Zukunft verschiebt: Wir akzeptieren es, in der Erwerbszeit Ressourcen zu jagen, Termine zu erfüllen und To-do-Listen abzuarbeiten, statt uns an der Welt abzuarbeiten (wodurch sich nach Georg Simmel erst die menschliche Seele formt), und legitimieren das insofern, dass wir «danach» gesichert zu dem kommen, was wir «eigentlich» wollen und sind. Dieses «später» könnte aber jetzt in der Krise und der damit einhergehenden Entschleunigung der Wirtschaft, also im Pausenmodus zumindest vorübergehend direkt greifbar sein, nur überfordert diese Chance nicht wenige, da man vor lauter Arbeiten zuvor vielleicht noch keine Antwort darauf hat, wer man eigentlich ist oder was man eigentlich will.

Das Perverse oder Irrationale einer auf Steigerung oder Reichweitenvergrösserung angelegten Handlungsstruktur ist, dass die Anstrengungen von heute keine nachhaltige Erleichterung für morgen bedeuten, sondern eine Erschwernis und eine Problemverschärfung: Je stärker die Ökonomie in einem Jahr wächst, je produktiver wir sind und je schneller wir werden, umso schwerer wird es im darauffolgenden Jahr diese Leistung zu überbieten und dabei noch möglichst die Steigerungsraten zu halten. Dieses Vorhaben wird durch Corona für 2020 voraussichtlich nicht nur vereitelt, sondern die gesamte Logik wird durchbrochen. Statt Erfüllung in einem unerwartet eingetretenen Zustand der Musse zu finden, ergreift viele die Panik davor, dass das Schweigen anhalten könnte, dass die eigene innere Stimme und die Stimme der Welt verstummt ist oder bleibt. Dann erst wird das traurige Ausmass der spätmodernen Weltverhältnissen inhärenten Entfremdung spürbar. Oder in den starken Worten von Erich Fromm: «Das Problem des neunzehnten Jahrhunderts war, daß Gott tot ist [Nietzsche]; das Problem des zwanzigsten Jahrhunderts ist [schliessen wir die zwanzig Jahre gerne ein], daß der Mensch [seelisch und emotional] tot ist

Nicht die ToDo-Liste zählt, aber eine fühlbare Vision einer anderen Form der Weltbeziehung für eine Verbesserung ihrer Modi der Weltverarbeitung
Die Herausforderung ist beschrieben, aber welche positiven Lehren können wir ziehen, gerade auch im Zusammenhang mit Digitalisierung, die uns prägt. Speziell eine Analogie von der Arbeitswelt zu KI bietet sich an und so müssen wir erkennen, dass auch letztere häufig krude nach alter, eng ausgelegter Produktivitätslogik eingesetzt wird. So wie nach neuen Rekorden trachtendes Hamsterraddrehen letztlich unbefriedigend ist, verhindert vielleicht auch KI im Sinne der Produktivitätslogik letztlich Innovation, weil sich das Vorgehen vor allem auf den Ersatz menschlicher Arbeitskraft für Produktionsabschnitte oder einzelne Dienstleistungsaufgaben richtet.

Produktivität und Innovation sind zwar nicht unbedingt ein Gegensatzpaar, aber die erste Priorität sollte auf Innovation und purpose liegen: Wie kriege ich das, was sinnvoll und gesellschaftlich gewünscht ist, wertschöpfend hin? Es sollte vielleicht Teil jeder Erwerbstätigkeit werden, darüber nachzudenken, was dieser Beruf eigentlich sein soll. Man kann es sich etwa in einem unternehmerischen Geist zur Aufgabe machen, sich in seinem Job immer wieder überflüssig zu machen. So erarbeiten wir uns den nächsten Job und gestalten Innovation. Dabei sollten nicht bloss Tech-Unternehmer und die Elite der digitalen Ära diese Anstrengungen unternehmen. Zur Vermeidung gesellschaftlicher Spannungen und eines Auseinanderdriftens von Gesellschaftsschichten sollte es eine breitere Aufgabe werden, da sich sonst das veritable Risiko manifestiert, dass die neuen wirkungsmächtigen Technologien nur oder primär einer privilegierten Klasse offenstehen, die ohnehin gut situiert, besser gebildet und vermögender ist und dann noch leichter auf Ressourcen zugreifen könnte. Holistisches Nachdenken über Innovation, d.h. mit Erfassung der Wechselwirkungen zu anderen und der Welt sowie mit strategischer Weitsicht ist ein allgemeiner Appell, wiewohl Nachdenken auf den ersten Blick nicht Produktivität ausmacht. Die aber bricht dann ein, wenn ich von einem Tag auf den nächsten überlegen muss, wie ich Mitarbeiter qualifiziere, deren Jobs sich durch einen Schock wie Corona verändern – oder doch wegfallen, weil die Weiterentwicklung des Stellenprofils und/oder die Weiterbildung der Mitarbeiter nicht funktioniert.

Schliessen möchte ich mit einem gemeinhin Antoine de Saint-Exupéry zugeschriebenen Bonmot: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Über den Autor

Christian Hugo Hoffmann ist Mitbegründer des Risikomanagement-Softwareunternehmens Syntherion, sowie Assistenzprofessor für Finance und Fintech an der Universität Liechtenstein. Weiter wirkt er etwa als stellvertretender Direktor des Swiss Fintech Innovation Lab an der Universität Zürich sowie als Direktor von Startup Grind in Genf. Zudem ist er als Autor von Fachbeiträgen zu KI, Risikomanagement und Unternehmertum tätig.

Titelbild: Henrik Donnestad

Corona Besuchsverbot

Corona Besuchsverbot

Smarte Technik hilft, menschlich nah zu bleiben

Mein Facetime klingelt. Es ist die DemenzWG, in der meine Angehörige lebt. Wir sind aufgrund des Besuchsverbotes zum Call verabredet und ich freue mich schon. Meine Tante wird im Mai 87 Jahre, im Heim ist sie das fünfte Jahr. Sie ist dement, hat den Pflegegrad 4, leidet unter zahlreichen Vorerkrankungen. In Corona-Zeiten fällt sie zu 100 Prozent in die Risikogruppen der besonders Gefährdeten.

Heute, Stand 9. April 2020, sind rund 108.000 Menschen in Deutschland mit Covid 19 infiziert. Die Mortalitätsrate liegt derzeit bei 1,8 Prozent. Informationen des RKI zufolge sei mit steigenden Todeszahlen zu rechnen. Vor allem, weil jetzt verstärkt auch Alten- und Pflegeheime sowie Demenz-WohnWGs betroffen sind. Also auch meine Angehörige. Ich bin für sie verantwortlich – und kann nichts tun.

Noch in der letzten Woche hatte ich mich ganz heftig mit dem WG-Träger, der Diakonie e.V., gestritten: Angesichts des rigiden (und notwendigen) Besuchsverbotes wollte ich umgehend Videotelefonie anwenden, um meine liebe Demenzerkrankte im Bewegtbild zu sehen. Ging nicht. Die Diakonie prüfte erst noch kompliziert auf Datenschutz. Verhedderte sich dann in der technischen Anwendung – es brauchte erst einen jungen Pfleger der die Technik bedienen konnte. Schließlich gelang ein kleiner Siegeszug digitaler Technik in eine sonst öde Wüste, was smarte Innovation angeht. Die DemenzWG glänzte bisher durch analoge Tradition. Meine Aufgaben als sorgende Angehörige kann ich so derzeit nicht oder nur eingeschränkt ausüben.

Pflege ist in Coronazeiten schwierig bis tödlich.

Die (mediale) Öffentlichkeit entdeckt nun plötzlich auch diese höchst verletzlichen und alleingelassenen Orte: Alten- und Pflegeheime. Hier lebt sie in großen Ansammlungen, die so viel zitiert vulnerable Risikogruppe der Hochbetagten. Und gleichzeitig zielt das mediale Spotlight auf die Personen, die jeden Abend beklatscht werden und Großartiges leisten: Die Pflegekräfte.

Mir ist gänzlich unwohl dabei, wenn die Heime so im Fokus stehen, denn das wird in erster Linie traditionell Folgendes befeuern: Den massiven Anstieg der Eigenanteile, weil alle “Extraaufwendungen” wie Desinfektionsmittel, Schutzanzüge, Masken, Sonderschichten, Tablets (eilig angeschafft) – auf der Kostenseite der Nutzer landen. Man hat ja nun einen guten medialen Einblick in die Fürsorge und besondere Vorsicht in den Heimen. Dieses „Mehr“ wird zum Risiko von wenigen Schultern. Denn der Anteil der Pflegekassen ist gedeckelt. Die Kostenspirale für die Unterbringung im Heim wird für die Bewohner und Angehörige post Corona ins Unermessliche steigen. Meine Forderung lautet daher:

  • Deckelt jetzt sofort die Eigenanteile. Umgehend. Noch bevor die Träger ihre Taschenrechner in Schwung bringen. Pflege verteuert sich durch Corona noch mehr zu einem Luxusartikel, den sich kaum einer wird leisten können.
  • Der Einsatz von smarter Technik, Robotern und digitaler Tools für die Pflegedokumentation und medizinische Versorgung wird ab sofort Pflicht.

Bevor mir jemand Herzlosigkeit vorwerfen will, weil ich gerade diese Themen auf den Tisch bringe und nicht etwa rührende Geschichten, möchte ich ein paar Gedanken äußern, die mich zu dieser Einschätzung bewegen.

Natürlich leisten die Pflegekräfte enorm viel, in manchen Fällen Übermenschliches. Pflege ist Beziehungsarbeit, sie erfordert nicht nur Knowhow, sondern vor allem eigene Energie, Empathie, Einsatz am Menschen. Und zwar rundum, hier ist nicht nur Zuspruch und Suppe reichen gemeint, sondern auch das Wechseln von Windeln Erwachsener. Es sind nicht nur die fitten Senioren im Heim, die Silbergrauen, sondern auch Menschen, die gar nichts mehr können. Höchstens im Bett liegen unter ihren weißen Decken – und atmen. Mit ihrem Einatmen gewinnt das Leben, mit dem Ausatmen tritt jedes Mal der Tod einen Schritt näher. Das muss man aushalten können, als Pflegekraft, als Angehörige. Krankenschwestern und -pfleger sind das Rückgrat eines jeden Gesundheitssystems, schon vor der Krise.

Aber: Sie arbeiten in kranken Systemen. Und daher ist der Fokus jetzt und vor allem nach Corona zu verschieben, von den Menschen, die helfen und einen guten Job machen, hin auf das, was ein solidarisches Gesundheitssystem längst kaputt macht. Marktideologien mit Gewinnmaximierung und Kostensenkung:

  • Eins dieser Krankheitssymptome ist das neoliberale Renditestreben von Krankenhäusern als auch Pflegeeinrichtungen. Warum haben wir zugesehen, wie medizinische Hilfe zu rein betriebswirtschaftlichen Fallpauschalen degenerierte?
  • Zum anderen ist es die bisher durchweg fehlende flächendeckende Digitalisierung in diesem Bereich und auch das Fehlen von intelligenten Datenerhebungen.

Wir müssen also in der Diskussion streng unterscheiden zwischen dem Lob an die Pflegekräfte (völlig berechtigt, ich reihe mich ein) – und gleichzeitig einen fetten Tadel an das System richten, vor allem an die Betreiber von Pflegeeinrichtungen. Und an die politische Entscheidung, die goutiert, dass Pflege immer teuerer wird. Gute Löhne für gute Pflege, unbedingt ja. Aber längst ist das Geschäftsmodell darüber hinaus rentabel und fließt nicht allein in Löhne und auch nicht in die notwendige digitale Modernisierung. Die Pflegebeiträge sind gedeckelt, die Eigenanteile aber nicht. Das ist ein Scheunentor für diese renditeversprechenden Konzepte, die einzig am Gewinn interessiert sind. Pflegebedürftige und Angehörige sind dem bisher schutzlos ausgeliefert.

Und dann ist da derzeit dieses Gefühl der “Black Box” Pflegeheim. Ich kann seit Wochen nicht hineinschauen. Das Gefühl für “da drinnen” geht verloren. Die Kontrolle fehlt. Ich wünsche mir nun um so mehr digitale Anwendungen, die meine physische Anwesenheit ersetzen – oder besser, mir Augen und Ohren ins Heim ermöglichen. Videotelefonie ist eine dieser Errungenschaften. Es macht einen Unterschied, jemanden im Bewegtbild zu sehen oder nur zu hören. Ich kann so den Zustand meiner Angehörigen in Gänze ermessen. Und sie verliert nicht den Kontakt zu mir, weil sie nicht versteht, warum ich nicht mehr persönlich bei ihr erscheinen kann. Sie vergisst auch unser Telefonat – aber das glückliche kleine warme Gefühl ums Herz, das beim Anschauen und Erkennen in diesem kleinen Tablet entstanden ist, das bleibt. Alter bedeutet oft genug Einsamkeit. Wenn digitale Technik Menschen einander näher bringt, gehört sie genau hier hin! Schon vor Corona.

Gleichermaßen fehlt derzeit der Zugriff auf die Pflegedokumentation. An normalen Tagen darf ich diese jederzeit persönlich auf Papier lesen, sie ist minutiös verfasst, jede Stunde ist eingetragen und mit Kürzeln der Pflegekräfte versehen. Die Dokumentation sieht aus wie die Mandalakritzeleien von Grundschulkindern. Sie wird handschriftlich verfasst, digital “werde von der Kasse nicht anerkannt”. Mit nach Hause nehmen darf ich die Nachweise nicht – ich müsste sie fotografieren, weil Kopien Geld kosten. Digital wäre der Zugriff über einen personalisierten Zugang jederzeit möglich, davon ist man weit entfernt. Auch die Unterschrift muss ich jedesmal persönlich leisten. Kann ich derzeit nicht, die Abrechnung erfolgt dann wie, frage ich mich? Digital, ich wiederhole es, könnte das ganz einfach geregelt werden. Deutschland aber liegt da im Tiefschlaf im Pflegebett und schnarcht.

Digitale Pflegedoku könnte transparent sein und Kontrolle über Leistungen und Abrechnungen ermöglichen. GPS-Daten könnten demnach sogar belegen, wo genau im Zimmer sich die Pflegekräfte aufgehalten haben und wie lange. Hört sich alles sehr brutal an, Kontrolle pur. Ist es auch. Wer aber Pflege als Produkt auf den Markt wirft und alles und jedes mit Preisschildern versieht, muss damit rechnen, dass die Kontrolle um so notwendiger ist. Pflege ist nicht nur ein Dienst am Menschen. Es ist ein hart umkämpfter Markt, mit knallharten Preis- Leistungskatalogen und dem daher logischen Wunsch der Zahler, die Strudel an Kosten überblicken zu können. Bevor sie darin unter gehen.

Warum aber übergibt man einen geliebten Menschen dann in ein Pflegeheim oder in eine Pflege-WG? Weil dies für viele Angehörige die letzte Rettung ist, weil sie oft nach jahrelanger Pflege am Ende ihrer Kraft sind. Demenzbegleitung etwa ist keine Kleinigkeit, die man nebenbei erledigt. Sie kann sich über Jahre hinziehen. Bisher fehlen zudem flächendeckende und bezahlbare digitale Assistenzsysteme für Zuhause, die Pflege und Sorge im smart Home erleichtern.

Sind die Pflegebedürftigen dann erst im Heim, kann man sie in Notzeiten wie Corona nicht einfach wieder mit nach Hause nehmen. Wer jetzt Ideen und Konzepte ermittelt, um die Hochbetagten in Heimen besonders zu schützen – oder im Fall von Infizierungen trennen muss: das ist nicht so einfach. Die Heimbewohner können nicht mehr in ihr altes Zuhause – das ist oft aufgelöst. Gleichzeitig haben die Angehörigen keine Möglichkeiten, zuhause altengerecht zu pflegen. Dazu fehlt in der Regel die Infrastruktur.

Wir reden aber spätestens jetzt über Smart Home – und über smarte Altenheime. Der Einsatz von smarter Technik ist notwendig. Der Pflegenotstand ist längst attestiert. Übrigens jetzt auch nochmal von der WHO, die hier sogar einen globalen Notstand beschreibt. Um leistungsfähig zu bleiben, können Roboter und KI helfen, fehlende menschliche Hilfe zu kompensieren. Anders wird es nicht gelingen. Spätestens wenn wir der Alterskohorte um die 55plus in einigen Jahren zuhauf pflegebedürftig sein werden, muss eine tragfähige digitale Infrastruktur breit vorhanden sein: Roboter werden dann nicht nur Lieder mit uns singen, sondern auch echte Pflege leisten können, wie heben, waschen, umdrehen. KI kommt bis dahin wie selbstverständlich zum Einsatz und errechnet unsere Vitalwerte in Echtzeit, auch, wie viel wir getrunken haben und ob unser Blutzucker ausreicht.

Pflege 4.0 ist also direkt nach der Corona-Krise viel effektiver anzugehen als das bisher der Fall war. Schon allein deshalb: die Corona-Bedrohung wird noch Monate anhalten. Die vulnerablen Hochbetagten gilt es weiterhin besonders zu schützen, eine Aufgabe, die mit analogen Bordmitteln allein nicht zu schaffen ist. Smarte Technik muss helfen. Allein aus humanitären Gründen. Allein aus wirtschaftlichen Gründen, weil Pflege sonst nicht mehr bezahlbar ist, weil auch Pflegekräfte Menschen sind, die erkranken können und müde werden. Schon allein auch aus demokratischen Gründen, denn die Aufgaben von Beiräten in Heimen, die nach dem Teilhabegesetz gewählt sind, wird derzeit ad absurdum geführt. Wir als Angehörige sind auf allen Ebenen entmachtet: Sorgeverantwortung, Kontrolle, Partizipation – und Menschlichkeit. Wir brauchen smarte Hilfsmittel, die Distanz überbrücken und uns näher dran bringen an diese aktuelle “Black Box” Heim.

Meine obigen Forderungen möchte ich um folgende Punkte ergänzen, damit nach Corona die Diskussion vermehrt in Handlung mündet:

  • Smarte Kommunikation zwischen Heimen, Angehörigen und Bewohner wird Standard, der Anschluss an Breitband gehört zur Grundausstattung
  • Smarte Kommunikation zwischen Angehörigen, Heim und Medizinern ist gesichert
  • Ausbildung der Pflegeberufe muss digitale Souveränität beinhalten
  • die Kapazitäten zur Sammlung, Analyse und Nutzung von Daten zur Gesundheit sind zu stärken
  • und im bereits erwähnten WHO-Bericht findet sich noch dies: Harmonisierung von Ausbildungs- und Praxisstandards und die Verwendung von Systemen, die die Qualifikationen von Krankenschwestern und -pflegern weltweit anerkennen und verarbeiten können

Der Einsatz von smarter Technik in Pflegeheimen wird übrigens nicht nur zu Corona-Zeiten notwendig. Wir kennen auch die schlimmen Wochen, wenn der Noro-Virus ungebetener Gast ist, oder die Grippe oder die Legionellen, oder Clostridien… Heimschließungen und begrenzte Zugänge zum Heim sind keine Seltenheit.

Corona schockiert. Uns bleibt die Tödlichkeit im Gedächtnis, wenn wir die Särgeberge in Bergamo und New York sehen. Die so vulnerable Risikogruppe der Hochbetagten im Pflegeheim ist davon jeden Tag besonders bedroht. Wie auch die Angehörigen, für die jedes Winken beim Videocall das letzte Mal sein kann. Versuchen wir mit allen smarten Mitteln, diese Bedrohung so menschlich wie nur was zu gestalten.

In drei Wochen erscheint dazu mein Buch:
„Als die Demenz bei uns einzog und ich mir einen Roboter wünschte – Innenansichten eines Demenzalltags“ ibidem-Verlag Stuttgart, 2020

Anke Knopp

Wie profitieren die Dörfer von Corona?

Wie profitieren die Dörfer von Corona?

Im ersten Beitrag vertritt Gerald Swarat den Standpunkt, dass Deutschland gerade jetzt auf die Kraft gesellschaftspolitischer Visionen und positive Narrative setzen muss- beginnend mit Bildung & lebenslangem Lernen. Und zwar in den ländlichen Räumen! Denn nichts eint die Menschen mehr als gemeinsame Probleme.

Wie profitieren die Dörfer von Corona?

The past is written, but the future is left for us to write. We have powerful tools: openness, optimism, and the spirit of curiosity. All they have is secrecy and fear. And fear is the great destroyer.
(Star Trek: Picard S1.Ep8: Broken Pieces)

Manche Schätzungen sprechen weltweit von einer Steigerung der Arbeitslosenzahlen von bis zu 25 Mio. aufgrund der Covid-19-Krise.1 In den USA stiegen in der vergangenen Woche die Antragszahlen für Arbeitslosenhilfe um 6,6 Mio. an.2 Auch wenn die Soforthilfen der Bundesregierung dem Dienstleistungs-, und Exportsektor in Deutschland vor der großen Katastrophe rettet, ließe sich doch gerade jetzt antizipieren, dass wir nicht mehr genug Erwerbsarbeit für alle Menschen haben (jedenfalls nicht in der Form, in der sich “Arbeit” zurzeit noch definiert) und das betrifft zum großen Teil die ländlichen Räume. Kann diese Krise nicht auch eine Chance sein für mehr Bildung und lebenslanges Lernen auf kommunaler Ebene? Für mehr psychische Gesundheit in nervösen und unsicheren Zeiten? Für mehr Zufriedenheit und persönliche Resilienz? Und warum bilden Schulen und Berufsschulen genau für die Jobs aus, die es in Zukunft nicht mehr gibt? Also bitte: Warum gehen wir das nicht schleunigst an, dass jetzt erst recht alle Interessierten eine Möglichkeit erhalten, sich kostenfrei online weiterzubilden in Verbindung mit betrieblichem Coaching im Sinne von #newwork von Frithjof H. Bergmann? Sollten nicht möglichst viele die Chance haben, mit ihren Talenten und Ideen sinnstiftende Tätigkeitsfelder zu finden neben der klassischen Erwerbsarbeit, die bislang kaum interessierten oder sie sich nicht trauten, auszuleben? Wer weiß, ob nach der Krise all die Jobs im produzierenden Gewerbe nicht durch effizientere Roboter ersetzt werden oder die einfachen „Bildschirmhintergrundjobs“ (wie Gunter Dueck sie nennt) durch algorithmische Entscheidungssysteme auf Basis maschinellen Lernens viel besser erledigt werden.

Sicher, das geht auch alles in den Großstädten, aber jetzt ist eine Chance, die Regionen zu einer wirklichen Alternative zu machen. Noch nie waren die Voraussetzungen so gut, denn immer mehr Studien zeigen, dass Familien zum Großteil aufs Land ziehen wollen. Zeitgleich bezieht sich eine Vielzahl an Förderprogrammen der Bundes- und Landesebene mit Themen der Daseinsvorsorge oder des Gemeinwohls explizit auf die ländlichen Räume oder lässt sich darauf anwenden. Mit Hilfe dieser großen Projekte können die Kommunen auch auf eine Vielzahl an potenten Partnern aus Wissenschaft und Politik zurückgreifen, was ihnen ohne die Förderung nicht möglich wäre und innovative Ideen in allen Lebensbereichen ausprobieren. Und nicht zuletzt werden die wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Krise auch in prosperierenden Großstädten deutlich heftiger ausfallen als in den ländlichen Regionen. Ganz abgesehen davon, dass sich alle Familien in Innenstadtlagen wohl gerade nichts sehnlicher wünschen, als einen Garten oder Wald, Wiese und Fluss in nächster Nähe zum Spielen. Der Balkon mit Blick auf das SO36 hilft halt nicht über den gesperrten Spielplatz hinweg.

In der aktuellen Krise liegt also auch eine enorme Chance verborgen, denn nichts eint die Menschen mehr als gemeinsame Probleme. Diesen Effekt gilt es für soziale Innovationen zu nutzen. Konsequentes Umsetzen führt zu tatsächlichen Mehrwerten im täglichen Leben der Menschen: Denn ist die Pandemie erst vorbei, wird sich der hochnervöse Hype-Cycle zur nächsten Schocknachricht weiterdrehen. Wenn der Fokus auf gemeinwohlorientierte Innovationen durch ein starkes Engagement der Kommunen und der zivilgesellschaftlichen Akteure unterstützt wird, dann werden wir viel Zusammenhalt und eine Neubesinnung von Gemeinschaft und Solidarität erleben. Und das wird zuallererst in den kleineren Strukturen außerhalb der großstädtischen Ballungszentren funktionieren. Denn in den Dörfern findet die Schicksalsgemeinschaft schneller einen gemeinsamen Nenner, während in der Stadt immer noch die Eltern, der auf Globalisierung und Ellbogenkampf getrimmten Individualisierungskinder, über Impfpflicht streiten.

Gerade außerhalb der Großstädte lässt sich jetzt viel bewegen, was im Angesicht der politischen Radikalisierung und des Vertrauensverlustes, den die Menschen insbesondere in den ländlichen Regionen offenbar gegenüber ihren politischen Repräsentanten schon bevor Corona empfanden, wichtiger denn je erscheint.

Worauf sollten die ländlichen Regionen setzen?

Das Ziel der Regionen darf und muss es jetzt sein, Strategien zu entwickeln, die sich von den Großstädten unterscheiden. Kommunen in ländlichen Räumen sollten schon mal nicht alle parallel an Datenplattform-Architektur-Konzepten arbeiten und unabhängig voneinander versuchen, technologische Probleme zu lösen, die es ohne sie nicht gäbe. Sie sollten stattdessen die Probleme der Menschen vor Ort lösen. Das ist vielleicht auch einfacher, da sie nicht zwangsläufig im Interesse der großen Konzerne stehen, die ihre Lösungen eher in Berlin, München oder Hamburg testen wollen. Sie sollten nicht auf autonome Shuttles und die OZG-Umsetzung warten. Sie können sich auf das konzentrieren, was ihren Kern betrifft: sich für das Gemeinwohl einsetzen und passgenaue Lösungen gemeinsam mit der örtlichen Gemeinschaft entwickeln! Echte Partizipation ist obligatorisch, denn die gemeinsame Bestandsaufnahme und die Entwicklung von Ideen sind eine Grundlage jeder erfolgreichen digitalen Transformation. Die ländlichen Kommunen müssen Gestaltungsräume schaffen, in denen das möglich ist – und in denen Innovationen gedeihen, wo Neugierde und Partizipationsbereitschaft belohnt werden. Denn die 1,3 Verwaltungskontakte pro Jahr werden keinen Ausschlag zur Wohnortentscheidung einer Familie geben. Consulter sollten aufhören, den Menschen zu verkaufen, dass sie im Mittelpunkt stünden, nur weil der alleinerziehende Vater jetzt statt Papier eine PDF oder einen Web-Antrag zur Behörde schicken kann, um die Ablehnung für das Wohngeld zu erhalten. Und zwar OHNE jedes persönliche Gespräch, weil doch das algorithmische Entscheidungssystem schließlich eine Empfehlung ausgespuckt hat, die der Sachbearbeiter aufgrund fehlender Zeit und Knowhow nicht einordnen kann und Ermessensspielräume wahrzunehmen nie gelernt hat.

Bildung und Lernen in den ländlichen Regionen

Die meisten der in der Einleitung zur Blogparade aufgeworfenen Fragen sind Teil der allgemeinen Bildung, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Welt und die Wege des Umgangs des Menschen eben mit ihr thematisiert werden. Gerade die ländlichen Kommunen, die darauf angewiesen sind, dass möglichst viele Menschen aktiv mit ihren Talenten ihr Umfeld mitgestalten, sind aufgerufen, sich mehr um die grundlegende Kompetenz ihre Bürgerschaft zu kümmern, die notwendig ist, um an der Welt und Weltgestaltung kompetent teilzuhaben. Dazu gehört die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in neue Themen einzuarbeiten. Aktuell ist jedoch ein Großteil dessen, was gerade unter digitaler Bildung diskutiert wird, spezialisierte Probleme, wie z.B. die Frage, ob jeder programmieren können muss. Bildung und Lebenslanges Lernen in einer digitalisierten Welt bedeutet aber gerade NICHT, gezwungen durch äußeren Druck an Effizienz zu gewinnen, sondern die Menschen zu befähigen, Digitalisierung als Verstärker der eigenen intrinsischen Motivation zu verstehen. Lebenslanges Lernen sollte also nicht dazu dienen, den Maschinen hinterher zu eifern, sondern die Menschen dazu ermutigen und ermächtigen, herauszufinden, was sie wirklich mit ihrem Leben anfangen wollen. Es soll dazu dienen, nach einem Leben voller Jobs, endlich die Berufung zu finden.

Die Kommunen in den ländlichen Räumen sollten sich ermutigt fühlen, sich im Bereich von Bildung und lebenslangem Lernen nicht auf Infrastruktur und Ausstattung zurückzuziehen. Es geht wie in allen kommunalen Handlungsfeldern um die Entwicklung eigener Konzepte. Aber man muss nicht alles neu erfinden, sondern kann sich an internationalen Vorreitern orientieren. Es geht darum, ein hochwertiges und differenziertes Bildungsangebot aufzusetzen, dass keine Redundanzen schafft, aber einen regionalen Anlaufpunkt. Denn niemand ist näher an den Menschen und an den Bildungsangeboten als sie. Eine sinnhafte Steuerung der Bildungszugänge vor Ort fehlt jedoch meistens und so gibt es ein Missmanagement an Bildungsinstitutionen und -angeboten, die sich häufig nicht ergänzen, sondern parallel im Wettbewerb zueinander mit Doppelstrukturen bestehen und wenig Qualitätssicherung unterliegen. Das ist vielleicht ein Grund, weshalb Bildung und lebenslanges Lernen so selten ein Thema in der Stadt- und Regionalentwicklung ist. Dabei ist Bildung der Motor schlechthin, um die Wettbewerbsfähigkeit der Kommune als Wirtschaftsstandort zu sichern, um junge Fachkräfte zu halten oder anzuziehen, um Älteren die Chance zu erhalten, sich weiter zu qualifizieren und um Zugezogene bestmöglich zu integrieren oder einfach selbstbestimmt zu leben. All das zahlt auf die Resilienz der Kommune ab und ist also Kern der Regionalentwicklung.

Und ja, ich habe auch konkrete Beispiele anzubieten: Ideal wäre, wenn es überall einen Lerncampus oder eine Dorf-Uni wie in Osterholz-Scharmbeck und aktive SENIORtrainierInnen wie in Schleswig-Holstein gäbe, die neben der leidigen Diskussion, welche Bildungsplattform nun genutzt werden soll, lebenslanges Lernen und Kollaboration zum Leben erwecken und im Internet aktiv gestalten. Spätestens seit den Erfahrungen mit dem #WirvsVirus-Hackathon muss es allen klar sein: Ein Verschwörhaus wie in Ulm und Hackdays wie in Moers sind Goldstandard beim Community-Building, ohne dass jede zivilgesellschaftlich getragene digitale Transformation zum Scheitern verdammt ist. Es gibt nun die technischen Möglichkeiten, um Menschen mit ihrer Kompetenz und ihren Bedürfnisse über digitale Plattformen miteinander zu vernetzen und zusammenbringen – nutzen wir diese Chance insbesondere in den ländlichen Räumen!

Dörfer setzen auf Visionen!

Die ländlichen Regionen sind viel näher dran, eine Vision realisieren zu können, die die Städter*innen staunen lässt. Eine Vision, in der eine Stadtgesellschaft mit allen, ja auch jung, ganz alt und ganz besonders Frauen die folgenden Antworten gestaltet: Wie wollen wir in 30 Jahren leben? Wollen wir Dorfläden ohne Kassierer*innen? Soll die Bibliothek schließen? Wollen wir viel Geld für ein Theater ausgeben oder reicht doch Netflix? Eine Vision, in der die Menschen befähigt und befördert werden, ihre Stadt und Umwelt aktiv mitzugestalten. Visionen, wo die Menschen nicht nur sensorhaftes Objekt einer Mobilitäts- und Parkraumoptimierung sind.

Ich wünsche mir für die ländlichen Räume, dass ein sechs-Stunden-Tag eingeführt wird und die wertvolle freie Zeit gemeinwohlorientiert ausgefüllt werden kann. Etwa in der freiwilligen Feuerwehr oder mit Engagement im Stadteilmanagement, wofür häufig neben dem Pendeln zur Arbeit, Einkaufen, Kinder zum Sport oder Klavierunterricht fahren und Haushalt wenig Zeit bleibt. Erbringen nicht viele mittlerweile eine immens hohe Wertschöpfung, die sich mithilfe digitaler Anwendungen im Vergleich zu den 90er Jahren vervielfacht hat? Warum nicht die gewonnene Zeit dem direkten Umfeld und der Gesellschaft zurückgeben? Damit erobern sich die Menschen in Pendlerstädten ihre Schlaf-Stadt zurück und können Verantwortungsgefühl und Zusammenhalt, das in ländlichen Gemeinschaften zumeist stärker ausgeprägt ist, ausleben. Nicht zuletzt wird damit der “braunen Brut” der Nährboden entzogen, die davon gezehrt hat, dass sich immer mehr BürgerInnen ungehört, ungesehen und als Objekte der Stadt/Konzerne gefühlt haben und kein Vertrauen mehr in ihre demokratischen RepräsentantInnen entwickeln konnten. Anstatt auf Flugtaxis zu warten, könnte doch ein bedingungsloses Grundeinkommen, das gerade wieder hoch im Kurs ist, in Dörfern getestet werden. Neu ist das Thema jedenfalls nicht, denn bereits in den USA in den 70er Jahren gab es Versuche, die dann aber aus politischen Gründen beendet wurden. So ein Grundeinkommen müsste mit einem Fortbildungsguthaben kombiniert werden, denn dann haben die Menschen nicht nur genug Geld in der Tasche, sondern auch genug gute Ideen für den Tag – und ein in diesen Zeiten unschätzbares Gut: Sicherheit für die eigene Existenz. Eine weitere Möglichkeit ist, den Schulen zudem ein gewisses bedingungsloses Lehrguthaben zur freien Verfügung zu stellen und ihnen damit Gestaltungsspielraum zu geben. Das verstärkt deren Entfaltungstrieb, den sie oftmals erst in dieser Krisenzeit entdeckten.

Klingt doch eigentlich gut?

Klar, wissen die meisten, dass vieles eigentlich mal gemacht werden müsste, was eben ausgeführt wurde. Wenn wir doch nur wüssten, wer das „eigentlich“ umsetzt? Dafür ist jedoch keiner zuständig, wie Richard David Precht es mal in einem Vortrag sagte. Vielleicht ist auch das Wort „wissen“ das Problem. Lasst es uns doch einfach mal machen, denn wie Gerald Hüther sagen würde: Die neurobiologische Erkenntnis ist, dass wir anstelle des Wissens die Erfahrung setzen sollten.

Handlungsempfehlungen – was kann eine Kommune also Konkretes tun?

1. Macht die oder den BürgermeisterIn a.D. zum Glücksbeauftragten der Stadt, der mit seinen Netzwerken und Wissen viel bewegen kann.3
2. Je mehr Technologie, desto mehr Demokratie: In Barcelona waren 40.000 Menschen an der Erstellung des Regierungsprogramms beteiligt – und tatsächlich: Und jetzt stammen 70 Prozent aller Maßnahmen, die der Stadtrat behandelt von der Bürgerschaft.4
3. Auslobung eines Wettbewerbs kreativer, regionaler Ideen, die sich um digitale Kompetenz aktiv bemühen. Die Mittel werden nicht als Starthilfe ausgelobt, sondern in existierende, aktive Initiativen investiert, die sich aus der Zivilgesellschaft heraus bereits proaktiv engagieren.
4. Unterstützung beim Aufbau moderner Lernräume, wie z.B. von Makerspaces vor Ort / Coworking, die eine ko-kreative Zusammenarbeit heterogener Akteure vor Ort unterstützen. Kreative Hotspots in den Kommunen entdecken und digitale Treiber mit einbeziehen in die Strategien (auch wenn es nicht einfach ist).
5. Datenbasiertes Kommunales Bildungsmanagement aufbauen
6. Betrieb diverser kommunaler „virtueller Räume“ in verschiedenen sozialen Netzwerken, wie z.B. Whatsapp-Abo mit Bildungsnews (Vgl. Kurt Eisner-Projekt des Bayerischen Rundfunks); Instagram-Profil des Bildungsscouts, moderierte Facebook-Gruppe der regionalen Bildung-Initiativen.
7. Die Punkte 7 bis xx sind durch die Community und Bildungs-ExpertInnen fortzuführen.

Danke für Inspiration und Kritik an Anke Knopp, Anja C. Wagner und Christoph Meineke

Gerald Swarat

Fußnoten:

1. https://de.statista.com/infografik/21228/prognose-zum-anstieg-der-weltweiten-zahl-der-arbeitslosen-durch-die-corona-krise/

2. https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/coronakrise-6-6-millionen-arbeitslose-mehr-in-den-usa-in-einer-woche-a-69b5b65b-afb8-4d9b-8141-04eeb88193ec/

3. Vgl. Arbeitsgruppe Bildung der Initiative Digitale Region 2017: https://gerald-swarat.de/wp-content/uploads/2018/07/Digitale%20Region_Executive%20Summary.pdf

4. Vgl. ebd.

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