CoLab-Blogparade: Digitalisierung und Gesellschaft- was kommt nach Corona?

CoLab-Blogparade: Digitalisierung und Gesellschaft- was kommt nach Corona?

Call for Papers: Das CoLab ist ein Multistakeholder-Thinktank für Gesellschaft und Digitalisierung und damit genau der richtige Ort, um eine Debatte anzustoßen, wie wir nach der Pandemie weitermachen. Wir möchten unsere Mitglieder und auch alle anderen aufrufen, Beiträge hier zu veröffentlichen und zu diskutieren!

Warum müssen wir uns gerade jetzt Gedanken über die Zukunft machen?

Jeder kann es spüren: Die Covid-19-Krise katapultiert Wirtschaft und Arbeitswelt mit großer Kraft in das digitale Zeitalter. In diesem stand Deutschland bislang allerhöchstens mit einem Bein. Das ist mitnichten eine deutsche Besonderheit, denn auch ein Blick zu den Nachbarländern zeigt eine große Ungleichheit, wenn es darum geht, wie technologische Veränderungen ankommen. Gleichzeitig ist auch die EU in der Krise. Nicht nur wegen Orban, sondern auch aufgrund der vielfachen Rückbesinnung auf Grenzen, Nationalstaat und dem Bedürfnis nach starker politischer Führung in vertrauten Räumen. Das beinhaltet auch die steigende Bereitschaft in weiten Teilen der EU-Bevölkerung, technisch kontrolliertem Zusammenlebens bereitwilliger gegenüberzustehen und Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten in Kauf zu nehmen. Vieles bislang Undenkbare ist mittlerweile um,- oder durchgesetzt.

Plötzlich muss die Arbeit in den Projekten, Unternehmen und Behörden durch verteilte digitale Teams erfolgen und alle ringen nach den richtigen Werkzeugen. Dachten wir seit Jahren, wir hätten nicht die richtigen Argumente oder Tools, lag es doch einfach nur am fehlenden Druck auf die conditio humana, die Veränderungen zumeist a priori ablehnt. Der Soziologe Thomas Druyen charakterisiert die Deutschen [sic] als „Weltmeister in der Resilienz“. Niemand kann besser Krisen bewältigen, aber „wir sind nicht veränderungsbereit. Wir sind stattdessen Reaktionsweltmeister, aber wir sind völlig leidenschaftslos, wenn es um Prävention geht, um Antizipation“[1].  Diese menschlich verständliche Schwerfälligkeit, die sich aus der fehlenden Notwendigkeit nährt („uns geht es doch gut“) hat schon seit langem dazu geführt, dass Deutschland vielen technologischen Entwicklungen hinterherläuft, positive Narrative fehlen und Begriffe wie die „German Angst“ entstehen.

Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen unterliegen einem Stresstest. Ertappt ihr euch auch dabei, bei Filmen die Luft anzuhalten, wenn Leute sich umarmen?  Was passiert, wenn die Kontaktsperren weiter verlängert werden und erste Insolvenzen und Kündigungswellen folgen? Selbst die gesunden Menschen spüren sich wieder schmerzhaft als soziales Wesen, ganz abgesehen von den SeniorInnen und Kranken, die neben den altersbedingten Einschränkungen nun auch häufig in Isolation einer ungewissen und einsamen Zukunft harren. Familien mit Kindern spüren die Pandemie im Home-Office anders als alleinstehende StudentInnen. Fehlen dort die Partys und geselligen Abende mit FreundInnen, fällt hier der Abschied aus der Kita oder die Einschulung, Abitur und Klassenreisen aus. Ein horrender Anstieg von familiärer Gewalt und Missbrauch von Frauen und Kindern werden bereits allerorten erwartet und zugleich war es nie so schwer, Hilfe zu rufen oder die Opfer zu entdecken.

Schwer absehbar ist, was die tatsächlichen gesellschaftlichen Effekte sein werden. Gerade laufen noch positive wie negative Entwicklungen parallel. Mut macht es aber, dass sich immer mehr Kreativität und Solidarität entwickeln und immer mehr digitalgestützte Initiativen erwachsen dieser neuen Achtsamkeit und sorgender Unterstützung für Risikogruppen.

Wir müssen unbedingt Antworten auf aktuelle Fragen finden, die die Covid-19-Krise mit Nachdruck verdeutlicht: Wie gehen wir in einer zunehmend digitalisierten Welt mit dem Bedürfnis nach physischer Nähe um? Was macht auf Dauer Angst und Einsamkeit (auch nach der Kontaktsperre) insbesondere mit den sog. Risikogruppen und was können wir dagegen tun als Kommunen oder Stadtgesellschaft? Was ist öffentlicher Raum in der virtuellen Welt? Wie gestaltet ihn die Kommunen als Begegnungs- und Lernort? Wie schützen wir ihn? Was bedeutet es, wenn Gemeinschaft und Zugehörigkeit virtuell erzeugt wird oder werden muss?

Die Befürchtungen wachsen! Ihnen ist mit großer Aufmerksamkeit zu begegnen. Die Menschen müssen sich ernst genommen und angehört fühlen sowie Vertrauen in die Lösungskompetenz ihrer politischen und verwaltungstechnischen Handlungsträger behalten. Gleichzeitig ist es wichtig, auch die politischen Reaktionen zu hinterfragen, wie es beispielsweise Ann Cathrin Riedel mit der Corona-App in ihrem empfehlenswerten Newsletter macht.[2]

Auch, wenn wir dazu bislang keine abschließenden Antworten hatten, werden wir nun einige finden müssen. Außerdem haben wir mit der Digitalisierung mächtige Werkzeuge und soziale Austauschformate erhalten, zugewandte, positive und individuell zugeschnittene Entwicklungspfade für alle Interessierten anzubieten, um die Menschen dann im Sinne von Humboldt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und so widerstandsfähiger gegenüber vielen Krisen und Schicksalen zu machen.

Was habt ihr für Fragen oder Antworten an die Zukunft? Der vorliegende Text und alle folgenden sind als Einladung zur Debatte gedacht. Die Fäden dürfen gern aufgenommen und versponnen werden

Gerald Swarat

[1] https://www.zeit.de/2018/15/soziologie-veraenderungen-deutsche-thomas-druyen-interview

[2] https://www.getrevue.co/profile/anncathrin/issues/meine-kritik-an-corona-apps-abseits-von-datenschutz-und-it-sicherheit-issue-52-236722