Doughnuts (oder auch Donuts) sind ein fester Bestandteil der nordamerikanischen Alltagskultur. In Europa waren sie lange Zeit unbekannt, doch seit nunmehr 20 Jahren erfreuen sich die handtellergroßen Krapfen aus Hefe- oder Rührteig in der typischen Torusform auch hierzulande einer wachsenden Beliebtheit.
Gerade seiner charakteristischen Form hat der Doughnut es zu verdanken, dass man nach ihm bestimmte Effekte auch außerhalb der Kulinarik bezeichnet hat. So wird die zunehmende Abwanderungsbewegung der Bevölkerung aus den Innenstädten in die Randbezirke von Städten von Stadtentwicklern als „Doughnut-Effekt“ bezeichnet. Und auch die britische Ökonomin Kate Raworth, die heute nach 20 Jahren Tätigkeit in der Entwicklungshilfe am Environmental Change Institute der Universität Oxford arbeitet, hat sich das typische Aussehen der Süßspeise für ihr Modell der sogenannten Doughnut Economics zunutze gemacht

Quelle:https://m.bpb.de/izpb/209707/entwicklungspolitik-als-antwort-auf-sicherheitsprobleme?type=galerie&show=image&i=209711

Raworth entwickelt mit der Doughnut-Ökonomie eine ideale Formel, um unsere Welt sicherer, gerechter und nachhaltiger zu machen. Ihre Erfahrungen aus der Entwicklungshilfe haben sie dazu gebracht, die Grenzen des Planeten Erde mit den sozialen Standards der Menschheit zusammenzubringen. Das Modell besteht aus einem Paar konzentrischer Ringe, einem äußeren Ring („ökologische Decke“), außerhalb dessen die planetaren Degradierungsprozesse wie der Klimawandel liegen, und einem inneren Kreis, der das gesellschaftliche Fundament im Sinne der Zielsetzung der UN Sustainable Development Goals umfasst. Zwischen diesen beiden Ringen liegt der eigentliche Doughnut, mit dem wir Menschen die Bedürfnisse aller mit den Mitteln des Planeten befriedigen können. Wir sollten weder den äußeren Ring verlassen, noch das gesellschaftliche Fundament, denn dann fallen wir in das Loch des Gebäcks. Nur die eigentliche Teigmasse, der “Dough“ ist das Ziel, den hier treffen sich die Bedürfnisse des Planeten mit denen der Menschheit.

Kate Raworth will mit ihrem Modell auch einen Paradigmenwechsel für die Wirtschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert anstoßen. Ihrer Meinung nach sind Angebot und Nachfrage oder jährliche Wachstumsquoten keine zeitgemäßen Paradigmen mehr- Stattdessen können wir den aktuellen globalen Herausforderungen wie eine explodierende Bevölkerungsentwicklung oder die ungleiche Verteilung der Ressourcen nur mit einem stärker interdisziplinären Ansatz gerecht werden. Raworths Modell ist das Ergebnis jahrelanger Überlegungen und Forschungen, die 2017 unter dem Titel „Doughnut Economics: Seven Ways to Think Like a 21st-Century Economist“ in Buchform erschienen sind. Der Bestseller ist 2018 unter dem Titel „Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört” auch in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschienen.

Die aktuelle Corona-Krise bietet Raworths Modell nun die plötzliche Chance für einen Realitätscheck. Denn wie die Metropole Amsterdam Anfang April verkündet hat, will sie das Doughnut-Modell für die Zeit des wirtschaftlichen Neubeginns nach Covid-19 nutzen. Damit ist die niederländische Stadtverwaltung die erste weltweit, die sich in diese Richtung engagiert. Im Rahmen einer “Circular 2020-2025 Strategy” soll beispielsweise der Verbrauch von Rohstoffen bis 2030 und die Lebensmittelverschwendung halbiert bis 2030 werden. Bis 2050 will Amsterdam komplett auf eine Kreislaufwirtschaft umgestellt haben, in der die es kaum noch zu Abfall kommt und die meisten Rohstoffe für die Produktion wiederverwendet werden können.

Gerade angesichts der befürchteten wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise erscheinen diese Ziele umso ehrgeiziger, aber im Sinne des Doughnut auch umso notwendiger. Und wenn sich andere Städte, Regionen und Länder dem Beispiel von Amsterdam anschließen, gilt zu hoffen, dass der „Doughnut-Effekt“ irgendwann auch in den Wirtschaftswissenschaften stellevertretend für eine ökologischere und damit bessere Zukunft stehen wird.

Quelle: https://www.smartcitiesworld.net/news/news/amsterdam-adopts-first-city-doughnut-model-for-circular-economy-5198

 

Über den Autor

Hendrik Müller ist Professor für Wirtschaftsethik und Unternehmenskommunikation. Nach dem Studium der Klassischen Philologie und der Geschichte in Göttingen und Oxford und der Promotion begann er eine berufliche Laufbahn bei der Bertelsmann Stiftung. 2004 erfolgte ein erneuter Wechsel als Dozent an die Universität Oxford. Dieser Tätigkeit schlossen sich eine wissenschaftliche Projektverantwortung im Bereich der Forschungsförderung in Wien und einige Jahre Unterricht im gymnasialen Schuldienst an. Anschließend wechselte Hendrik Müller wieder zu Bertelsmann, wo er für das zentrale Medienhaus des Konzerns in den Bereichen Wissen und Bildung für Marketing und Kommunikation zuständig war. Seit 2013 berät Hendrik Müller von Hamburg aus als selbständiger Berater Unternehmen und Institutionen und lehrt seit 2014 an der Hochschule Fresenius. Er forscht und publiziert aktuell verstärkt in den Bereichen Wirtschaftsethik, Konsumethik sowie Ethik der digitalen Verwaltung und Ethik der künstlichen Intelligenz.

 

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