Wäre man jetzt Globalisierungskritiker oder Klimaaktivist man wüsste nicht ob man sich freuen oder weinen sollte. All das wofür man jahrzehntelang vergebens gekämpft hätte, all das was immer für unmöglich gehalten würde, ist plötzlich möglich. Und warum? Weil ein winziges Ding auf die Bildfläche trat und bewirkte, dass die Freiheiten des Einzelnen wie auch die des Warenverkehrs in einem Maße beschnitten wurden, wie man es sich noch vor drei Monaten niemals hätte vorstellen können. Infolge dessen bleiben Flugzeuge am Boden, die Championsleague wurde ausgesetzt, Grenzen wurden dichtgemacht, die Aktienkurse schwankten in einem Ausmaß, dass einem Hören und Sehen vergeht und Virologen wurden zu Celebrities.

Gleichzeitig liest man von Visionen einer Welt nach dem Virus, die unterschiedlicher nicht sein können: So beschreibt beispielsweise der ewige Zukunftsdeuter Matthias Horx eine entschleunigte Gesellschaft, eine Wirtschaft in welcher der Wert der regionalen Produktion wieder eine größere Wertschätzung erfährt[1]. Kurz eine Welt, die progressive Denker seit Jahren unter dem Begriff der Postwachstumsgesellschaft beschreiben. Anderes Land, anderer Einwurf: Der aus Israel stammende Bestsellerautor Yuhal Noah Harari hat bereits früh auf die Gefahr hingewiesen, dass die Maßnahmen, die im Katastrophenfall gerechtfertigt schienen (Stichwort Überwachung) zur neuen Normalität werden[2]. Doch damit genug. Das Magazin POLITICO hat gleich einen ganzen Blumenstraß an Visionen einer Welt nach Corona zusammengestellt[3], der vom Wiedererstarken des Glaubens, über eine höhere Glaubwürdigkeit der Wissenschaften, bis hin zu einer Stärkung des sozialen Zusammenhalts reicht – Sie sehen es ist für jeden etwas dabei.

Eine veränderte Welt nach Corona? Nein.

Was aber ist dran an der Behauptung, dass die Welt nach Corona eine andere sein wird? Wie so oft ist auch hier jeder Versuch der Deutung nicht mehr als ein Stochern im Nebel. Wahrscheinlich wird vieles so weitergehen wie bisher. Vielleicht werden auch viele nach der Krise erst einmal doppelt so schnell rennen wie zuvor – gilt es doch viel nachzuholen, gilt es doch die Delle im BIP so schnell als möglich wieder auszubügeln. Nein, es wird sich vordergründig nicht viel ändern. Allein schon, weil man sich auf breiter Front nicht vorstellen kann, wie eine andere Gesellschaft, wie eine andere Wirtschaft funktionieren könnte.

Und doch wird diese Erfahrung nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen sein – zu tief hat diese Zeit in unser aller Leben eingegriffen, als dass man so tun könne als wäre nichts gewesen. Die wohl wichtigste Erfahrung ist, dass die Politik handlungsfähig ist. Dass wenn sie nur will, wenn der öffentliche Druck nur hoch genug ist, die Politik plötzlich Maßnahmen beschließen kann, die der neoliberalen Erfahrung von über dreißig Jahren diametral entgegenstehen. Müssen wir also verzweifeln, wenn nach der Krise die große Maschine wieder Fahrt aufnimmt?

Nein, denn es wäre naiv zu glauben, dass die Welt sich plötzlich ändert. Dazu ist die Krise nicht einschneidend genug. Zu mächtig ist die Stimme derjenigen, die fordern, wir müssen die Wirtschaft wieder hochfahren. Zu plausibel erscheint uns dieses Gebot innerhalb der Denkweise die nach wie vor unsere Gesellschaft bestimmt. Denn durch den Lockdown brechen sämtliche Einnahmen zusammen – private wie öffentliche, die ja eng mit den Einnahmen aus dem privatwirtschaftlichen verknüpft sind.

Oder doch?

Jedoch allein die Tatsache, dass durch die geringeren wirtschaftlichen Aktivitäten und den reduzierten Flugverkehr der CO2-Ausstoss um über 6% zurückgegangen ist, haben wir eine Ahnung davon bekommen, wie wir die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommen doch noch erreichen können. Allerdings führt uns das aber auch vor Augen, dass die Begrenzung des Temperaturanstiegs um 1,5 Grad nicht dadurch zu erreichen ist, dass wir mit kosmetischen Änderungen weitermachen wie bisher.

Das ist die Zwickmühle in der wir sitzen und die uns jetzt klar vor Augen getreten ist. Die wichtigste Frage ist also, wie wir einen grundsätzlichen Wandel in unserer Denkweise und folglich auch in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem hinbekommen, um das bewahren zu können, was gut war – denn nicht alles ist schlecht.

Ist der Lockdown nun die Erfahrung, die den Paradigmenwechsel hervorbringt? Hervorbringen wird er ihn sicherlich nicht. Denn wie sollen Personen, die ihr Leben lang nach einem gewissen Muster gelebt haben, von einem Tag auf den anderen ihre Gewohnheiten und ihr Wertsystem ändern? Schließlich sind es genau diese Personen, die auch nach dem Lockdown die wichtigen gesellschaftlichen Positionen bekleiden, die kraft ihres Amtes solch einen Wandel gestalten und befeuern könnten.

Der Paradigmenwechsel

Und doch rückt der notwendige Paradigmenwechsel mit jeder weiteren Krise immer näher. Schließlich hat der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn (1922 – 1996) in seiner Analyse gesellschaftlicher Veränderungen beschrieben, wie ein Weltbild von einem anderen abgelöst wird. Es sind die Widersprüche und Unstimmigkeiten innerhalb eines Weltbildes, die irgendwann dazu führen, dass diese Sicht auf die Welt irgendwann nicht mehr zu halten sein wird. Nach Kuhn wird der Wandel nun entweder in Form einer Revolution über uns kommen oder – und das sehe ich derzeit auch als wahrscheinlicher an – wird der Wandel passieren, weil das alte Paradigma ausstirbt.

Alte Paradigmen sterben aus, weil jüngere Personen zu einem Zeitpunkt Erfahrungen machen, die zu sie nachhaltig prägen. Vielleicht wird eine jüngere Generation durch die soeben gemachte Erfahrung es ganz selbstverständlich finden, dass ein Anders möglich ist. Ein Anders, dass gleichzeitig einen Ausweg aus der Zwickmühle weist. Ein Anders hinsichtlich dessen, was uns jahrzehntelang als Normalität verkauft wurde. Wie sich dieses Anders nun genau ausprägen wird, dass kann zum derzeitigen Zeitpunkt keiner sagen, denn das wird von uns abhängen. Das wird davon abhängen, was jede und jeder Einzelne aus der Erfahrung macht, dass ein Anders möglich ist.

Wenn diese Erfahrung dazu geführt hat, dass wir ein stückweit die Angst vor dem Anderen verloren haben, weil wir ein paar Wochen das Andere erlebt haben, dann wird uns das die Gewissheit geben, dass das Ende der Welt wie wir sie kennen, nicht das Ende der Welt sein wird. Und wir werden mutiger die ersten Schritte ins Unbekannte gehen. Wir werden plötzlich neue Wege erahnen, wo andere mit ihren alten Weltbild und ihren alten Instrumenten noch nicht einmal einen Trampelpfad ausmachen.

Über den Autor

Foto: © Janusch Tschech

Wolfram Bernhardt war als Corporate Finance Berater tätig und Herausgeber des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42, seit September 2019 ist er Bürgermeister der Stadt Adelsheim.

 

Fußnoten

[1] https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona / abgerufen am 10.04.20

[2] https://amp.ft.com/content/19d90308-6858-11ea-a3c9-1fe6fedcca75?fbclid=IwAR1edlJ_7uBOqcZCy0Xb8i_qKRCUF05wW4KGrAF-JNH8xdTB4UOHAEcBViM%20/abgerufen am 10.04.20

[3] https://www.politico.com/amp/news/magazine/2020/03/19/coronavirus-effect-economy-life-society-analysis-covid-135579?__twitter_impression=true&fbclid=IwAR0WQtuDWEfpbKuDJ5UDCP532VB1rNXumVUnajGrOYI-grhMazc6UsGfxwc / abgerufen am 10.04.20

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